Unter Geiern

Pyrenäen Höhenwanderweg

Geschafft: Wir entledigen uns der Rucksäcke, fallen ins Gras und genießen die innere Leichtigkeit und das durch den Körper pulsierende Glücksgefühl. Tiefe Stille, nur der Wind weht ins Gesicht. Unter stahlblauen Himmel die bizarre Szenerie der ausgebleichten Kalksteingipfel des Cirque de Lescun.

[...] Am fünften Tag sehen wir ihn das erste Mal, keine 40 Meter über uns zieht er seine Kreise: ein Geier. Fast drei Meter Spannweite machen ihn zum mächtigsten Raubvogel am europäischen Himmel. Beeindruckt verfolgen wir seinen fast geräuschlosen Flug, flüchtig scheint er noch auf uns herab zu blicken, dann dreht er ab und verschwindet hinter einem der zahlreichen Berggipfel [...]

Plötzlich, nach fast sieben Tagen Sonnenschein, verdunkelt sich der Himmel über unseren Köpfen. Das eben noch idyllisch anmutende Panorama wandelt sich in eine unwirtliche, düstere Gebirgswelt. Wind kommt auf, entwickelt sich zu einem ausgewachsenen Sturm. In der Zwischenzeit sichern wir das Zelt so gut wie möglich, nun heißt es warten. Aber nicht lange: Naturgewalten brechen über uns herein, Blitze erhellen die Nacht, jegliche Unterhaltung wird unmöglich, so stark prasselt der Regen gegen unsere Behausung. Der ohrenbetäubende Lärm des Donners fährt uns durch Mark und Bein. Wir sprechen kein Wort mehr miteinander, in uns gekehrt sitzen wir auf unseren Schlafsäcken und hoffen, dass sich kein Blitz verirrt. Langsam kommt das Gefühl auf in einem Wasserbett zu sitzen. Die schöne, sattgrüne Wiese scheint zu einem See mutiert zu sein, durch das Vorzelt strömt ein kleiner Wildbach. Thor, der Gott des Donners, der Winde und Wolken, ist heute nicht gnädig, und so hocken wir weiterhin schweigend zusammen, jeder hängt seinen Gedanken und Ängsten nach, die Nacht scheint kein Ende zu nehmen [...]