Kirchen, Kunst und Kurioses
Die Goldene Stadt Prag ist ein ideales Kurzreiseziel für die letzten warmen Tage im Herbst. Neben mittelalterlichen Gassen und neuzeitlichen Konsumtempeln locken urgemütliche Gasthäuser mit böhmischen Knödeln und Pilsner Urquell.
Melodien von Smetana, Souvenirhändler auf der Karlsbrücke, Sprachenvielfalt in den Straßencafés – Prag ist eine Stadt voller Lebendigkeit und Lebenslust. Selbstdarsteller, Musiker und Künstler aller Couleur verbreiten in den Gassen und auf den Plätzen ein einzigartiges Flair. Alexander Külzer ist ganz vernarrt in die Goldene Stadt. „Mein Lieblingsplatz ist der Altstädter Ring. Hier kann ich stundenlang sitzen, Leute beobachten und Straßenmusikern zuhören - für mich die perfekte Entspannung“ schwärmt der Inhaber einer Kölner Hundeschule. So oft es ihm möglich ist, reist er an die Moldau.
Der Altstädter Ring ist einer der Besuchermagnete der tschechischen Hauptstadt.
Mitten im Zentrum gelegen, fasziniert der weite Platz durch sein Ensemble aus stolzen
Bürgerhäusern und Adelspalais. Die Restaurants bieten böhmische Küche an, viele
Gästesitzen draußen und genießen die Atmosphäre. Wer zur Mittagszeit hier eintrifft
erlebt das beliebte Touristenspektakel an der Fassade des Altstädter Rathauses, und
Touristen aus aller Welt bestaunen, denn Kopf in den Nacken gelegt, das imposante
Glockenspiel und die Prozession der zwölf Apostelfiguren in den oberen Fenster des um
1490 in Betrieb genommenen Zeitmessers. Ebenso eindrucksvoll ist der Blick in umgekehrter
Richtung, vom 70 Meter hohen Rathausturm herunter über die engen Gassen und die
prachtvollen Kirchen der Altstadt, etwa auf die gegenüberliegende gotische Teynkirche
aus dem 14. Jahrhundert. Das Grab des Astronomen Tycho de Brahe wurde hier gefunden.
„Wenn mir nach dem Besichtigen von Kirchen und Museen die Füße schmerzen, steige ich
gern in eine der Kutschen und genieße die gemächliche Fahrt“, erzählt Alexander Külzer.
Wer es lieber motorisiert mag, hier ein Tipp für Liebhaber alter Autos: Am Kleinen Ring,
nur wenige Meter vom Altstädter Ring entfernt, stehen stilvolle Oldtimer und heißen ihre
Passagiere willkommen. Auf Hochglanz polierter Lack, abgewetztes Leder und antiquiertes
Interieur laden zu einer Reise in die Geschichte Prags ein. Einsteigen, Zurücklehnen und
die neidischen Blicke des „Fußvolkes“ genießen.
Der Königsweg allerdings kann nur per Pedes richtig genossen werden. Er ist der wohl
schönste Besichtungsweg durch das historische Prag. Im Pflaster der Stadt leicht zu
findende Markierungen leiten den Besucher über jene Trasse, die schon die böhmischen
Herrscher über Jahrhunderte für ihre feierlichen Krönungszeremonien in die Stadt
nutzten. „Dieser Weg hat für mich etwas Feierliches", gesteht Gudrun Ingelbach.
"Dieser Prunk, die königlichen Kleider, die ganze Zeremonie - es muss phantastisch
gewesen sein“ meint die Kölner Logopädin und bekennende Prag-Liebhaberin. Der Pulverturm
ist Startpunkt der Tour. Dieser 43 m hohe Bau, in dem die Prager ihr Schießpulver
lagerten, war einst das Tor zur Altstadt. Er explodierte Ende des 18. Jahrhunderts.
Erst im späten 19. Jahrhundert wurde er wieder aufgebaut und erhielt so sein heutiges
Gesicht im neugotischen Stil. Wenn es die Zeit erlaubt, sollten sich Pragbesucher vor
dem Beschreiten des Königswegs erst im Jugendstilcafé (Obecní Dum) gleich neben dem
Pulverturm stärken. Gudrun Ingelbach sitzt gern hier: „Unter Kristalllüstern schmeckt
der Kaffee gleich noch einmal so gut. Dazu bestelle ich eine Prager Süßigkeit,
wunderbar“.
Der Königsweg führt über Kopfsteinpflaster durch die Zeltnergasse (Celetná ulice)
zum Altstädter Ring und weiter durch die alten Gassen zur weltberühmten Karlsbrücke.
Unzählbare Liebespaare genossen hier schon küssend den Sonnenuntergang, übermütige
Touristen springen von ihr in das nicht gar so saubere Wasser der Moldau und geduldige
„Brücken“-Händler warten auf zahlungswillige Kundschaft. Die Existenz dieses grandiosen
Bauwerkes verdanken wir Kaiser Karl IV. Die im 14. Jahrhundert erbaute Flaniermeile
Prags, Verbindung zwischen bürgerlicher Altstadt und Herrscherschloss, trotzte
Feuerbrünsten, Kriegen und politischen Unruhen. Beim Gang über die Brücke sollte man
verweilen, einen Blick auf die vielen Statuen auf der Brüstung werfen und abtauchen
in die Geschichten, die sie erzählen. 1683 erhielt die Brücke ihre erste Skulptur, den
heiligen Johannes von Nepomuk. Heute zieren die beiden Gelände insgesamt 31
Heiligenstatuen.
Verlässt man die Brücke, gelangt man auf die Kleinseite, wo einst die dem Kaiser
dienenden Adligen ihre prachtvollen Palais unterhalb der Burg errichteten. Wer abends an
der Moldau ein geschmackvolles Restaurant sucht, wird hier fündig. Mit Kerzenlicht,
weißen Tischdecken und internationaler Küche buhlen die Lokale um die Gunst der Gäste.
Auf der Prager Burg mit dem Veitsdom, der Krönungskirche der böhmischen Könige, endet der
Königsweg. Das Viertel rund um die Burg trägt den Namen Hradschin und ist ein
geschichtlich bedeutsamer Ort: Hier residierten die Kaiser Karl IV. und Rudolf II.,
die von Prag aus das römisch-deutsche Kaiserreich. 1618 kam es in der größten Burganlage
der Welt zum denkwürdigen Prager Fenstersturz, bei dem Teilnehmer einer protestantischen
Versammlung kaiserliche Angestellte aus dem Fenster warfen - der Auslöser des
Dreißigjährigen Krieges.
„Für den Hradschin und die Kleinseite plane ich einen ganzen Tag ein", sagt Gudrun
Ingelbach aus Erfahrung. "Hier gibt es so unendlich viel zu entdecken: königliche Gärten,
Adelspaläste, das Lustschloss Belvedere und natürlich den Veitsdom. Allein die Nuancen
des Lichts im Inneren der Krönungskirche faszinieren mich immer wieder. Einzigartig.“
Im Dom selbst ist die Wenzelskapelle, 1362 von Peter Parler entworfen, ein besonderes
Kleinod. Sie ist die letzte Ruhestätte des tschechischen Nationalheiligen Wenzel. Der
Herzog war im 10. Jahrhundert der erste christliche Herrscher auf dem böhmischen Thron
und wurde späte von seinem Bruder ermordet.
Wer von dort aus die benachbarte Krönungskammer mit der Wenzelskrone und den
Krönungsinsignien besichtigen möchte, der müsste sich sieben Schlüssel besorgen, um die
Tür zu öffnen. Sie zusammenzubekommen ist nicht leicht. Je einen Schlüssel verwahren: der
Staatspräsident, der Erzbischof von Prag, der Ministerpräsident, der Vorsitzende des
Senats, der Prager Oberbürgermeister und das Metropolitankapitel des Veitsdoms. Nur wenn
diese sieben zusammentreffen, kann die Kammer geöffnet werden und der Kronschatz
besichtigt werden. Ein äußerst seltenes Ereignis.
Nicht fehlen beim Burgbesuch darf ein Spaziergang durch das Goldene Gässchen. Dessen
buntrestaurierten Miniaturhäuschen, die wie Schwalbennester direkt an die Burgmauer
gebaut sind, waren einst Heimstatt der Burgwächter. Dass hier Alchemisten versucht haben
sollen, Gold herzustellen, woher der Name des Gässchen rührt, ist Legende. Wahr ist,
dass hier später Arme, Bettler, Handwerker, Wahrsager und Poeten ein Dach über dem Kopf
fanden. Franz Kafka, Sohn eines tschechisch-jüdischen Vaters und einer deutsch-jüdischen
Mutter, schrieb hier, inspiriert durch die Menschen und ihre Schicksale, einige seiner
zu Weltruhm gelangten Werke.
Apropos Kafka. Wer sich für jüdische Geschichte interessiert, der darf die Josefstadt
nicht versäumen, das alte jüdische Viertel von Prag. Mit seiner bizarren Schönheit sorgt
vor allem der Alten Jüdischen Friedhof für eine außergewöhnliche Atmosphäre. Im 15.
Jahrhundert angelegt, ist dieser mitten in der Stadt gelegene Platz, die letzte
Ruhestätte für Zehntausende von Juden. Der bekannteste von ihnen dürfte Rabbi Löw sein,
der 1609 hier bestattet wurde. Die Legende um den von ihm geschaffenen Golem eine
Lehmfigur, der er angeblich Leben einhauchte und später wieder nahm, machte den frommen
Rabbiner weltbekannt.
Das Jüdische Viertel ist keineswegs nur vergangenheitsorientiert. Am Rande dieses Stadtteils hat die Neuzeit längst Einzug gehalten. Wer exquisit shoppen möchte, ist auf der Pariser Straße genau richtig. Auf der eleganten Allee herrscht die größte Dichte an modischen Boutiquen namhaften Designer wie Louis Vitton, Dior oder Kenzo. Daneben laden feine Restaurant zum Speisen ein. Und am Abend öffnen trendige Clubs und Cocktailbars ihre Pforten.
Worin der besondere Reiz Prags im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen nun eigentlich genau besteht, das konnte selbst Egon Erwin Kisch nicht so recht in Worte fassen. Als er in den 20er Jahren, gerade zurückgekehrt von einer Reise nach Paris, in einem Prager Café von dem tschechischen Schriftsteller Gustav Janouch gefragt wurde, antwortete Kisch: "Prag ist ganz anders. Prag ist ein Zauber, etwas, das einen bindet und hält und immer wieder hierher zieht. Man kann nicht vergessen. Prag ist eben ganz anders."










