Das Tor zum Paradies, der Südosten Sardiniens.
Meer, Weite, Farben, Berge, Felsen, ein kurzer unsicherer Blick, ein ungläubiges
Blinzeln, kein Traum: Die Schönheit der Landschaft ist klar und präsent. Noch einige
Serpentinen und sandige Buchten und das Ziel ist erreicht: Der Südosten Sardiniens, die
Region rund um Villasimius.
„Das Tor zum Paradies“, entfährt es Beppe Sperone und umrahmt dabei mit einer
ausschweifenden Armbewegung den Landstrich vor uns. Die Straße von Cagliari kommend
lässt hier am Capo Boi einen Blick auf die Gemeinde Villasimius zu, der betört und
Erwartungen weckt.
Beppe, eigentlich aus Piemont stammend, lebte lange Zeit in Frankfurt am Main, bis er
sich vor vielen Jahren in diese Region verliebte und sich hier niederließ.
Die Gegend um Villasimius ist seine Heimat geworden, hier sind seine Freunde zu Hause,
hier reitet er, hier hat er sein Herz verloren. Kein Wunder.
Einheimische, Schriftsteller und Besucher beschwören die Pracht der Landschaft, das
türkisschimmernde Wasser, die geschwungenen kleinen Buchten, die duftende Maccia und
den Reiz der vergangenen Geschichte.
Villasimius war einst ein kleines Hirten- und Fischerdorf, bekam seinen Namen 1862,
nachdem Nuraghen, Phönizier und Römer in früherer Zeit hier siedelten. Lange Zeit war
die traumhafte Küste unbesiedelt, zu viele Überfälle, die afrikanische Küste ist nur
wenige Segeltage entfernt. „Wer über das Meer kommt ist ein Dieb“, dieses sardische
Sprichwort war viele Jahrhunderte blutige Wirklichkeit.
Wilde Piraten
Heute muss sich niemand mehr vor wilden Piraten oder kriegslüsternen Angreifern
fürchten, das Meer der Gemeinde Villasimius ist seit 1998 ein marines Naturschutzgebiet
„Area Marina Protetta Capo Carbonara“ und nicht erst seitdem ein friedliches und
beachtenswertes Gewässer. Der Distrikt umfasst eine Wasserfläche von ca. 100 qkm,
einschließlich der Inseln Serpentera und Cavoli. Die Wasserqualität ist eine der besten
im gesamten Mittelmeerraum und daher zum Tauchen und Schnorcheln ein wahres Eldorado.
Wer lieber auf dem Wasser den Südosten Sardiniens erfahren will, sollte die Planken eines
stattlichen Schoners in Erwägung ziehen. Ein solches Schiff ist die Matilda II, ein
gemütlicher 2-Master, dessen 220 qm Segelfläche unser Skipper Daniele jederzeit unter
Kontrolle hat. Im modernen Hafen von Villasimius geht man an Bord. Unser erster Ziel
ist die Isola dei Cavoli, unter vollen Segeln genieße ich die Fahrt auf Deck, lasse
die mannigfaltigen Farbschattierungen des Wassers an mir vorbeiziehen. Wie mir zu
Ohren gekommen ist, gibt es auch unter dem Rumpf des Bootes einiges zu entdecken.
Zahllose Relikte aus alter Zeit verweilen auf dem Meeresgrund rund um das Capa
Carbonara und der Isola dei Cavoli. Einige Fundstücke offeriert das architektonisch
reizvolle Museum der Archäologie in Villasimius und nebenbei erfährt man allerhand
Erstaunliches über die Geschichte der Region. Immer wieder schweift mein Blick, während
ich entspannt auf Deck liege, über das sich sanft kräuselnde Meer. Tümmler sollen sich
gerne in Küstennähe zeigen, doch ich erspähe statt verspielter Delfine nur finstere
Wolken. Ein Gewitter zieht auf. Der Himmel verdunkelt sich und erste Blitze offenbaren
sich über dem Festland. Daniele entschließt sich in den sicheren Hafen einzulaufen.
Hoch zu Ross
Später treffe ich Beppe bei einer seiner Lieblingsbeschäftigungen, dem Reiten. In der gesamten Saison unterstützt er, als Lehrer, Stefy und Domenico, die einen Reitstall nahe dem Simius-Strand betreiben. Beppe lächelt mich an, ich ahne was da auf mich zu kommt. Meine Wenigkeit soll auf eines dieser großen Tiere steigen, die sich Pferde nennen. Noch nie bin ich geritten und habe es auch nie wirklich vermisst. Aber am einsamen Strand traben, wer kann dazu schon Nein sagen. Nach einer kurzen Einführung sitze ich im Westersattel auf dem Rücken von Tex, einem hoffentlich ruhigen und gehorsamen Pferd. Sonne, Sand und Meer, ich lausche nur dem Wind und den Wellen und dem Schnaufen von Tex. Der Ritt entwickelt sich zu einer unauslöschlichen Erfahrung. Reiten ist Rhythmus. Trotz Konzentration und starkem Willen, hebelt es mich fast aus dem Sattel, mein Steißbein schmerzt, die Oberschenkel brennen. Nach einigen Tricks vom Profi und ungezählten Minuten später gelingt es im Gleichklang mit dem Pferd einige Meter Wegstrecke annähernd elegant zu meistern. Der Ausflug führt durch die sardische Maccia. Erdbeerbaum, Myrte, Lavendel, wilder Fenchel und die weißblühende Zistrose sind zum Greifen nah. Über die teilweise mannshohe Maccia-Vegetation eröffnet sich ein zauberhafter Ausblick auf das Meer bis zur Punta Molentis, wo man einzigartige Sonnenaufgänge erleben kann. Der Weg führt auf geschlungenen Pfaden zum höchsten Punkt unserer Tour dem Turm von Porto Giunco. Auf dem Rückweg schreiten die Pferde geruhsam vorbei am Stagno Notteri, einem kleinen See direkt in Strandnähe. Flamingos stolzieren dort langsam und anmutig durch das Wasser und suchen nach köstlichem Seafood. Eine exotische Atmosphäre, die Karibikfeeling aufkeimen lässt. Werbefotografen haben dies schon länger erkannt und nutzen diese Kulisse zur Inszenierung von Konsumträumen.
Sinnlicher Genuss
Sardinien besuchen heißt auch eine kulinarische Entdeckungsreise unternehmen.
Olivieri Soru, Hotelier und Restaurantbesitzer in Villasimius, kennt sich aus. Er
führt Gäste geschmacklich in die Geheimnisse der sardischen Köstlichkeiten ein.
„Weinbau auf Sardinien hat eine lange Tradition,“ schildert er. „Als sicher gilt,
dass die Phönizier und später die griechischen Siedler begannen Wein auf Sardinien
zu kultivieren.“
Weinkennern sei der rote Cannonau ans Herz gelegt, diese Rebsorte ist die wichtigste
rote Rebe Sardiniens. Der Cannonau di Sardegna zeigt sich rubinrot mit ausgeprägtem,
fast üppigem Bouquet. Der berühmteste sardische Wein ist der Turriga aus dem Hause
Argiolas, welcher auf internationalen Auktionen hoch gehandelt wird. Das 1938
gegründete Familienweingut liegt etwa 20 km von Cagliari entfernt. Weltweit wird der
Turriga geschätzt und macht aus jedem sardischen Essen ein extravagantes Vergnügen.
Olivieri veranschaulicht die unterschiedlichen Gänge, die typischerweise aufgetischt
werden. Zu Beginn schmeicheln bunt gemischte Kleinigkeiten, als „antipasto“ bekannt
und geliebt, den Gaumen. Kredenzt werden zum Beispiel köstliche Wurstsorten, Oliven
und herzhafte Teigwaren. Selbstverständlich reicht der Sarde dazu Pane Carasau, ein
hauchdünnes und knusprige Brot aus Hartweizengrieß, Wasser, Hefe und Salz, das früher
das Grundnahrungsmittel der Schäfer war, die Schafs- oder Ziegenkäse dazu aßen. Diese
auch als „carta da musica“ geschätzten Teigplatten sind nicht aus dem Konzertreigen
eines klassischen Abendmenüs wegzudenken. Primo und secondo piatto, dargeboten nach
der „antipasto, sind die anschließenden Gänge. Beim „primo piatto“ landen meist
Nudelgerichte unterschiedlichster Couleur zwischen dem Essgerät. Das kulinarische
Gastmahl erreicht seinen Höhepunkt mit dem „secondo piatto“. Rustikale Gerichte mit
Lamm, Kaninchen oder auch Spanferkel, alles gerne vom Grill oder auch gegrillter Fisch
lassen den Gästen das Wasser im Munde zusammenlaufen. Nachtisch wird in Form einer
Käsetafel und einer süßen Köstlichkeit herangetragen. Abschließend krönt ein kräftiger
Grappa, bekannt unter dem Namen «filo 'e ferru» den genussvollen Abend. Der Name hat
einen bemerkenswerten Ursprung. Er entstand aus der Not heraus, als heimlich gebranntes
Destillat vor allzu neugierigen Kontrolleuren verborgen werden musste. Zu diesem Zweck
vergrub man die Schnapsbehälter im Erdreich und ein aus der Erde ragender Eisendraht
(auf italienisch „filo di ferro“) markierte den wertvollen Schatz. So vermied der kluge
Sarde mit profanen Mitteln Schwierigkeiten mit der Obrigkeit.
Geschmückte Ochsenkarren und die Pest
Eher religiös orientiert zeigte sich Cagliari im 17. Jahrhundert. Die Pest wütete, die Bewohner mutlos und voller Angst, aus dieser misslichen Lage konnte nur noch ein Heiliger helfen. Efisius sein Name. Die Cagliaritaner legten ein Gelübde ab, sollte der heilige Efisius Ihre Stadt vor Tod und Verderben schützen, versprachen Sie ihm einen alljährlichen, weihevollen Ritus. Die Pest suchte sich ihre Opfer wo anders und Efisius bekam seine Prozession. Seit nunmehr über 350 Jahren begehen die Sarden dieses für sie traditionsreichste und emotionalste Fest. Zu keiner Zeit konnten Kriege, Unwetter oder sonstige Katastrophen die Sarden davon abhalten ihren Heiligen am 1. Mai jeden Jahres zu ehren. Mit Blumengirlanden geschmückte Ochsenkarren, stolze Reiter in farbenfrohen Uniformen, Musikanten, die auf der Launedda, einer Hirtenflöte aus Binsen ein Lied spielen und Frauen mit aufwendig bestickten Trachten ergeben ein Bild voller Anmut und Dankbarkeit. Ein angemessener Rahmen für den heiligen Efisius, dessen Statur im Nimbus des Prozessionszuges bis ins 35 km entfernte Nora hofiert wird. Die Bevölkerung und auch viele Touristen machen daraus eine großartige Veranstaltung, jede Truppe, ob zu Fuß oder mit dem Pferd, wird frenetisch umjubelt und beklatscht, stundenlang.
Endlich Abenteuer
Feste feiert man gerne auf Sardinien. Besucher können ihr eigenes, ganz
persönliches Happening erleben. Abseits der heiligen und ausgetretenen Touristenpfade
macht die archaische und raue Landschaft Sardiniens Naturliebhaber trunken und
bezaubert durch ein Bankett der Extraklasse. Verlässt man die Küste um Villasimius,
gelangt man sehr schnell in das noch weitestgehend unberührte Hinterland. Sehr
vereinzelt existieren markierte Wege für Mountainbikefahrer oder Wanderer. Nach
Angaben des Bürgermeisters von Villasimius Salvatore Sanna soll sich dies allerdings
bald ändert. Wer nicht abwarten will oder seinem Orientierungssinn nicht vertraut,
kann bei engagierten Touranbietern professionell geführte Touren per Pedes, mit dem
Rad oder gar mit dem Jeep buchen.
Lohnendes Ziel einer Jeepsafari ist der Monte Minni-Minni und die Hochebene von Sa
Gotti. Eine abenteuerliche Strecke, die nur mit einem Geländewagen zu meistern ist,
führt durch ein Labyrinth von kaum erkennbaren Wegen, durch das Revier des sardischen
Hirsches hinauf zur Sa Gotti. Ein herrliches Panorama erwartet den Abenteurer nach
einer strapaziösen, aufregenden, aber unvergesslichen Fahrt. Beim Picknick mit Wein,
frisch gegrillter Mettwurst mit wilden Fenchelsamen –ein Leckerbissen- und dem immer
präsenten und köstlichen pane carasau genießt man den Ausblick auf den Golf von
Cagliari bis zu den Stränden Villasimius. Sardinien, der Süden; eine Region voller
Lebensfreude, Genuss und unbändiger Vielfalt. Beppe Sperone hat hier seinen Traum
lebendig werden lassen und eine neue Heimat gefunden. Ich aber verabschiede mich,
lasse etwas wehmütig die herrliche Zeit Revue passieren und denke an eine Sentenz,
die ich irgendwo in Sardinien auffing: „Wie gerne wäre man oft ausgestiegen an dieser
oder jener Rundung und hätte Fahrt und Zeit gebremst“.






